Wolf-Dietrich Weissbach (*1952)

Mind the gap - Beobachtete Urbanität

«Mind the gap», so nennt Wolf-Dietrich Weissbach seine Panaorama-Fotografien aus U-Bahnstationen. Diese Warnansage aus der London Tube ist dort harmlos alltäglich. Isoliert als Titel eines Fotografie-Projekts, wird der Spruch mehrdeutig. Der Geist ist nicht nur auf den Spalt zwischen Bahnsteig und Wagon gerichtet. Warnen die Worte vor der Kluft zum Mitmenschen oder dem Abgrund zwischen den Sprachen? Warnen sie vor dem Sog einer der Lebensadern unserer modernen urbanen Welt? Zu deren Metapher taugt die U-Bahn, denn hier scheint sich die Vernetzung, die Geschwindigkeit, die Getriebenheit und Einsamkeit urbaner Stätten zu verdichten.
U-bahnstationen mit der Panoramakamera zu fotografieren versteht Wolf-Dietrich Weissbach als offenes Projekt, das alle U-Bahnen der Welt potentiell einschließt. Die Vorstellung einer weltweite Vernetzung im Untergrund lag schon Kippenbergers Zeichnung zugrunde, die deren posthume technische Ausführung im deutschen Pavillion auf der Biennale in Venedig zu sehen war. Weissbachs Fotografien interpretieren diesen Gedanken von der geistigen Vernetztheit der kleinen physischen Netze.
Weissbachs Werke sind analog fotografiert. Das bedeuted, dass der Moment des Belichtens der einzig entscheidende bleibt. Digitale Nachbearbeitung ist hier nicht möglich. Dies erfordert eine Konzentration auf den kreativen Umgang mit den technischen Möglichkeiten, die die Kamera bietet.
Eines der fototechnischen Gestaltungsmittel ist die Kombination von Langzeit- und Mehrfachbelichtung (mitunter erfolgten bis zu dreißig Belichtungen auf dasselbe Stück Film). Dadurch werden in den Bildern handelnden Menschen, die fahrenden U-Bahnen und andere bewegete Objekte auf Schemen reduziert, auf durchsichtige Gespenster, die zäh durchs Bild schweben oder stolpern, hüpfen oder sich im Bild wiederholen. Dagegen wird die Archhitektur umso heller, schärfer und vordergründiger.
Weitere Möglichkeiten bietet das rotierende Objektiv der Panorama-Kamera, bei dem immer nur ein schmaler vertikaler Streifen in Bewegung von links nach rechts belichtet wird. Dies erlaubt eine dehnende Verfolgung von sich in der Bewegungsrichtung des Belichtungsstreifens aus dem Bildfeld bewegender Objekte. Umgekehrt werden die gegen die Belichtung sich bewegenden Personen und Objekte bis zum Strich zusammen gequetscht.
Wolf-Dietrich Weissbach, geboren am 1.2.1952 in der damaligen DDR und mit den Eltern 1956 in den Westen gezogen, studierte Philosophie, Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft. Die Abschlussarbeit zum Magister Artium schrieb er über die Utopien von Thomas Morus, Fichte, Robert Nozick und James M. Buchanan. Seither arbeitet er als Journalist und Fotograf. 1998 begann er mit dem Projekt, möglichst weltweit U-Bahnstationen mit der Panorama-Kamera (Noblex U 150) auf Farbnegativfilm (Negativformat: 5 x 12 cm) zu fotografieren. Bisher entstanden Bilder in Stockholm, Paris, London, Barcelona, Prag, Stuttgart und jüngst in Berlin. Die Serie wird fortgesetzt.
Text: Markus Döbele

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